Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie,
Psychotherapeutin, Mediatorin, EMDR-Therapeutin

Was ist Systemische Familientherapie?

Eine Familie ist ein System, bei dem alle Familienmitglieder sehr tief miteinander verbunden sind. Ein System wird wie ein eigenes Wesen betrachtet, das über die einzelnen Individuen hinausgeht. Es strebt immer danach, sich zu erhalten und zu stabilisieren. Daher nehmen die Mitglieder eines Systems wie in einem Mobile ihre Rolle ein, um das System in Balance zu halten. In einem Familiensystem sind alle Teile gut aufeinander eingespielt. Jeder erfüllt hier seine Rolle und verhält sich entsprechend rollenkonform. Allerdings laufen diese Prozesse unbewusst ab und werden von den Mitgliedern für ganz selbstverständlich gehalten. Von außen betrachtet, lässt sich diese systemische Dynamik jedoch deutlich erkennen.

In den meisten Familien ist es so, dass der Vater die Aufgabe des „Broterwerbers“ und die Mutter die Rolle der „Familienmanagerin“ übernimmt. Beide versorgen –  der eine mehr auf der materiellen Ebene, die andere mehr auf der emotionalen. Die Kinder, die aus dieser Beziehung entstehen, haben den Wunsch, von jedem auf seine Art und Weise gesehen und wertgeschätzt zu werden.

Solch ein Familiensystem kann nur gut “funktionieren”, wenn alle gesund bleiben, sich jeder an seine Rolle hält und gleichzeitig versucht, sich flexibel auf Veränderungen wie Alterungs- und Entwicklungsprozesse einzustellen. Denn Veränderungen, egal welche, bringen solche Systeme immer wieder in Unordnung. Damit sind sie unangenehm und zwingen dazu, sich auf neue Situationen einzustellen, diese zu akzeptieren und sich selbst und als Gemeinschaft weiterzuentwickeln. Stagnationen machen krank, die fehlende Akzeptanz von Veränderungen und anderen Ansichten ist belastend. Kurz: Das In-Frage-stellen und In-Frage-gestellt-werden ist für das Gesundbleiben eines Systems unabdingbar.

Wenn sich ein Elternpaar trennt oder ein Elternteil wegen Erkrankung oder anderer Umstände ausfällt, muss dieser Verlust von den bleibenden Familienmitgliedern kompensiert werden. In solch gravierenden Veränderungsphasen sind alle Familienmitglieder, egal ob sie miteinander oder getrennt leben, erhöhtem Stress ausgesetzt. Es erfordert ein achtsames, sensibles und vor allem gemeinsames Ausbalancieren der erhöhten eigenen Bedürfnisse und äußeren Anforderungen. Manchmal treten in solchen Lebensphasen bei Kindern ungewollte und unangenehme Verhaltensweisen auf, die unbewusst die fehlende Aufmerksamkeit der Eltern kompensieren sollen. Zum Beispiel äußert sich dies in Bewegungsunruhe, im   „Zappelphilipp-Syndrom“ oder „Wibbel“, was nichts anderes bedeutet als „ADH-Syndrom“. Allerdings kann die Bewegungsunruhe eines Kindes systemisch auch andere Ursachen haben, die es in der Therapie zu klären gilt.

Verhaltensstörungen von Kindern können also symbolhaften Charakter haben und Aussagen machen, welche die Eltern vielleicht lieber nicht hören und sehen möchten. So fremd es auch klingen mag: Gerade Kinder versuchen unbewusst sehr oft, das Familiensystem durch ihr auffälliges Verhalten zu stabilisieren. Dabei ist es wichtig zu bedenken, dass jedes Alter seine spezifischen Verhaltensweisen hat. In problematischen Situationen können Geschwister ganz unterschiedliche Verhaltensweisen an den Tag legen – aber möglicherweise alle mit dem unbewussten Ziel, eine Trennung ihrer Eltern zu verhindern.

Ein systemischer Therapeut behandelt daher niemals nur denjenigen innerhalb eines Systems, der offensichtlich Probleme hat oder macht, sondern schaut sich immer das gesamte System an. So kann er die Dynamik und das Zusammenspiel aller Familienmitglieder verstehen und miteinbeziehen.

Das Gute daran ist: Wenn sich in einem System ein Teil ändert (egal welcher!), dann hat dies auch Auswirkungen auf das Verhalten aller anderen. Für Sie als Eltern ist dies eine Herausforderung, aber auch eine Riesenchance: Wenn Sie Ihr Verhalten ändern, wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch Ihr Kind dies tun. Häufig ist dies der Fall wenn die inneren Belastungen der Eltern, zumeist der Mutter, wegfallen. Dann ist der Weg frei für neue Sicht- und Verhaltensweisen.

Darum sind es immer auch folgende Fragestellungen, die uns im Rahmen der Therapie begleiten werden:

  • Gibt es eine systemische Dynamik, die mit der Auffälligkeit zu tun hat und wenn ja, welche?
  • Welche systemische Funktion hat das auffällige Verhalten?
  • Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es, diese Funktion auf bessere, gesündere Art auszufüllen?
  • Was kann jeder innerhalb des Familiensystems dazu beitragen?
  • Wie können Sie als Eltern Ihr Kind in dieser Situation am besten unterstützen?

Vielleicht wird Ihr Kind sein Verhalten nicht sofort umstellen, weil Veränderungen zunächst auch zu Irritationen und Widerstand führen können. Aber wenn Sie ruhig und beständig dabeibleiben, wird sich auch Ihr Kind nach einer gewissen Zeit ändern.


Angelika Rischar | Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Psychotherapeutin, Mediatorin, EMDR-Therapeutin | Händelstraße 17 | 53115 Bonn | Telefon: 0228-63 10 39